Stellen Sie sich mal vor, Sie stellen sich mal vor und Ihnen wird dann diese Frage gestellt. Wie reagieren Sie? Geben Sie eine ehrliche Antwort ("Ehrlich währt am Längsten!") oder werden Sie nervös, da Sie mit dieser Frage überhaupt nicht gerechnet hatten oder werden Sie sogar unhöflich???

Der Lernbereich 2 im Fach "Sozialwirtschaft und Recht (SWR)" der 12. Klasse heißt "Für ein soziales Unternehmen Personal einstellen ..." und definiert als Kompetenzerwartung u.a. "Die Schülerinnen und Schüler bewerten Arbeitszeugnisse anhand ausgewählter Kriterien ... führen Vorstellungsgespräche ... und reflektieren ihre Gesprächsführung".

Einige Schülerinnen und Schüler der Klassen S12a und S12b dürften in der jüngeren Vergangenheit schon das eine oder andere Vorstellungsgespräch geführt haben, da nicht alle von ihnen noch die 13. Klassen besuchen wollen. Trotzdem hielt ich es für eine gute Gelegenheit, solche Gespräche vorzubereiten und zu üben.

Die Schülerinnen und Schüler meiner beiden SWR-Klassen recherchierten jeweils arbeitsteilig Informationen zu folgenden Fragen:

Welche Unterlagen hat man bei einer Bewerbung mitzuschicken? In welchen Phasen läuft ein Vorstellungsgespräch üblicherweise ab? Welche Fragen werden der Bewerberin oder dem Bewerber üblicherweise gestellt? Welche Fragen dürfen normalerweise nicht gestellt werden? Welche Fragen dürfen je nach Beruf ausnahmsweise doch gestellt werden? Welche Fragen braucht die Bewerberin oder der Bewerber nicht zu beantworten? Wie reagiert man, wenn man trotzdem unzulässige Fragen gestellt bekommt?

Das Casting

Nachdem diese Fragen beantwortet worden waren, erhielten die Schülerinnen und Schüler Lebensläufe und Zeugnisse von sechs Bewerberinnen und Bewerbern für die Stelle als Erzieher (m,w,d) in einem Kindergarten. Jede Schülerin und jeder Schüler sichtete die eingegangenen Unterlagen und entschied sich dann sowohl für eine weibliche Kandidatin als auch einen männlichen Kandidaten, die sie oder er aufgrund ihrer oder seiner individuellen Auswahlkriterien zum Vorstellungsgespräch einladen wollte.

Wie bei einer Klassensprecher*wahl wurden anschließend die einzelnen Votings an der Tafel festgehalten, um so den Bewerber und die Bewerberin herauszufinden, die es ins Vorstellungsgespräch geschafft haben. Die Wahl fiel interessanterweise in beiden Klassen auf Isabella Wipplinger und Peter Tischler (ihre Lebensläufe und Zeugnisse finden Sie unten in der Fotostrecke).

Zum Glück fanden sich dann freiwillige Isabella- und Peter-Darstellerinnen und -darsteller, die sich bis zur nächsten Unterrichtsstunde in "ihren" Lebenslauf einarbeiten sollten. Freiwillige Personalverantwortliche des Kindergartens, die die beiden Vorstellungsgespräche führen sollten, arbeiteten sich ebenfalls in die Lebensläufe der Bewerberin und des Bewerbers ein, planten den Ablauf der Gespräche hinsichtlich der Phasen und der konkret zu stellenden Fragen.

Das Vorstellungsgespräch

Beide Kandidatinnen und Kandidaten hatten das Klassenzimmer zu verlassen, so dass sich die drei Personalverantwortlichen nochmals über den Ablauf verständigen konnten. Außerdem entschieden sie, welche* Bewerber* sie zuerst vorsprechen lassen wollten.

Die Kandidatin und den Kandidaten holte ich dann jeweils aus dem Pausenbereich des Schulgebäudes ab und informierte sie oder ihn darüber, dass das Gespräch mit dem Anklopfen an der Klassenzimmertür beginnt und aufgenommen wird, um es in der folgenden Stunde analysieren zu können. Dann ging es los. Was die Bewerberin und der Bewerber vorab nicht wussten: mit eine* von ihnen wird ein "normales" Vorstellungsgespräch geführt, die oder der andere wird etwas unfair behandelt, ihr oder ihm werden auch Fragen gestellt, die in einem Vorstellungsgespräch nicht gestellt werden dürfen. Damit wollten wir herausfinden, wie die Kandidatin oder der Kandidat reagiert, ob er oder sie sich aus dem Konzept bringen lässt oder ob sie oder er aggressiv wird, unfair reagiert. Jedes Vorstellungsgespräch dauerte ungefähr 10 Minuten und unterschied sich natürlich in Abhängigkeit von der Bewerberin oder dem Bewerber und ihrer oder seiner Art der Behandlung (siehe oben). Es gab aber auch interessante Unterschiede zwischen den beiden Klassen.

Das Feedback

Nachdem ich die Aufnahmen zuhause gekürzt und klangmäßig etwas überarbeitet hatte, hörten wir uns die Vorstellungsgespräche in der folgenden Unterrichtsstunde an. Arbeitsteilig hatten die Schülerinnen und Schüler darauf zu achten und zu notieren, was die Bewerberin oder der Bewerber gut gemacht hat, was sie oder er weniger gut gemacht hat, was die Personalverantwortlichen gut und was sie weniger gut gemacht hatten. Im Anschluss wurden die Statements vorgetragen und besprochen.

Fazit

Auch wenn die ganze Unterrichtssequenz letztendlich länger gedauert hatte als geplant, bin ich davon überzeugt, dass es erkenntnisreich und deshalb sinnvoll war, das Projekt durchzuführen. Die Schülerinnen und Schüler wissen nun, worauf sie sich einzustellen haben, wenn es dann zum ersten "echten" Vorstellungsgespräch geht, wie es abläuft und mit welchen Fragen sie zu rechnen haben. Sie wissen auch, wie sie auf unfaire und unzulässige Fragen reagieren sollten und wann sie bei diesen Fragen ggfs sogar lügen dürfen.